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S’Estanyol: Die Bucht auf Ibiza, für die dein Mietwagen leiden muss

Wenn man auf Ibiza nach dem sucht, was Reiseführer beharrlich als „das alte Ibiza“ bezeichnen, landet man oft an Orten, die längst Handtuch an Handtuch belegt sind. S’Estanyol (auf Spanisch oft S’Estaniol) im Nordosten der Insel ist anders. Man stolpert nicht zufällig hierher. Man muss es wollen – und man muss bereit sein, den Unterboden des Mietwagens auf einer ausgewaschenen Piste zu riskieren.

Die Ruckelpiste in den Nordosten

Die Bucht liegt weit oben im Gemeindegebiet von Sant Joan de Labritja. Braune Touristenschilder, die den Weg weisen, sucht man vergebens. Wer von Santa Eulària kommt, fährt erst in Richtung des kleinen Weilers Cor de Jesús. Kurz vor der bekannteren Cala Mastella geht es dann auf einen unbefestigten Weg. Hier endet der Asphalt und die rote Erde Ibizas übernimmt.

Im August, wenn es seit Wochen nicht geregnet hat, zieht man eine gewaltige Staubwolke hinter sich her. Wer hier mit einem tiefergelegten Sportwagen anreist, wird spätestens nach der zweiten Kurve fluchen. Aber genau dieses natürliche K.O.-Kriterium schützt die Bucht vor den großen Massen. Wenn sich nach etwa fünfzehn Minuten Schrittgeschwindigkeit das erste Mal das Blau des Mittelmeers zwischen den Pinienästen durchschiebt, weiß man, dass sich das Durchschütteln gelohnt hat.

Fischerhütten und knochentrockenes Seegras

Unten angekommen, wartet kein künstlich aufgeschütteter Puderzuckerstrand. S’Estanyol ist rau, steinig an den Rändern und oft von getrocknetem Posidonia-Seegras gesäumt. Zum Glück rücken hier keine Bagger an, um die Natur für Instagram-Fotos wegzuräumen, denn das Gras schützt den Sand vor der Wintererosion. Das Wasser in der Bucht ist so klar, dass man die kleinen Brassen um die eigenen Knöchel kreisen sieht.

Eingerahmt wird die kleine Bucht von den casetes de varadero, den traditionellen ibizenkischen Bootshäusern mit ihren verwitterten Holztoren und rostigen Vorhängeschlössern. Keine wummernden Bässe, keine Jetskis. Das Lauteste hier ist das Zirpen der Zikaden in den Bäumen.

Kaltes Bier auf wackeligen Holzbänken

Vergiss Reservierungen, Mindestverzehr oder Bali-Betten. Die kleine Holzhütte am Rand der Bucht ist ein klassischer Chiringuito der alten Schule. Man sitzt auf einfachen Holzbänken, die im Sand ein wenig wackeln. Auf der Schiefertafel stehen keine Trüffel-Pommes, sondern die Basics: Ein eiskaltes Estrella-Damm-Dosenbier für knapp 3,50 Euro, frisch gepresster Orangensaft und Bocadillos con Jamón y Queso für um die 6 Euro.

Zwei wichtige Dinge dazu: Die Baguettes sind oft schon gegen 14 Uhr restlos ausverkauft. Und bring unbedingt Bargeld mit. Das Kartenlesegerät hat hier unten zwischen den Felsen mangels Netzempfang öfter Aussetzer, als dass es funktioniert.

Was du vor der Abfahrt wissen solltest

  • Der Park-Albtraum: Am Ende der Staubpiste passen vielleicht fünfzehn Autos irgendwie zwischen die Bäume. Wer im Juli oder August nach 11 Uhr vormittags ankommt, wird keinen Platz mehr finden. Schlimmer noch: Du musst den gesamten staubigen Weg im Rückwärtsgang wieder hochfahren, wenn dir jemand entgegenkommt. Komm also sehr früh oder erst am späten Nachmittag gegen 17 Uhr.
  • Schatten selbst mitbringen: Es gibt hier keinen Verleih für Schirme oder Liegen. Wer Schatten will, muss seinen eigenen Sonnenschirm in den Kofferraum werfen. Auch öffentliche Toiletten oder Süßwasserduschen suchst du hier vergebens.
  • Gute Sicht unter Wasser: Wegen der felsigen Flanken der Bucht ist das Wasser extrem ruhig. Pack auf jeden Fall eine Taucherbrille ein – direkt an den Felsen links der Fischerhütten sieht man regelmäßig kleine Kraken und Schwärme von Mönchsfischen.

Ein Nachmittag ohne Empfang

S’Estanyol zwingt einen förmlich dazu, das Smartphone in der Tasche zu lassen – schon allein, weil auf dem Display ohnehin meistens „Kein Netz“ steht. Wenn im späten September die Sonne etwas früher hinter den Hügeln verschwindet und das Licht auf den Pinien weicher wird, leert sich die Bucht merklich. Dann sitzen nur noch ein paar Einheimische mit ihren Hunden am Wasser, man beißt in die letzte Hälfte seines Bocadillos und spürt das Salz auf der Haut.

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Fotografie: Sobrassada, via Wikimedia Commons