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Es Culleram: Der Aufstieg zu Ibizas antiker Göttin Tanit (und warum die Höhle gesperrt ist)

Wer die kurvige Landstraße von Sant Vicent de sa Cala in den Nordosten hinauffährt, landet irgendwann an einer unscheinbaren, staubigen Parkbucht. Es gibt hier keinen Kiosk, keine 18-Euro-Cocktails und oft nicht einmal Handyempfang. Dafür findet man hier den Weg zu Es Culleram. Lange bevor die ersten Superclubs auf der Insel öffneten – genauer gesagt um 400 v. Chr. – war dieses Felsmassiv das religiöse Zentrum des phönizischen Lebens auf Ibiza.

Das Heiligtum der Tanit

Die Phönizier haben in dieser Höhle nicht gewohnt. Sie nutzten den Ort als Kultstätte für Tanit, die punische Göttin der Fruchtbarkeit und des Mondes. Als Archäologen die Stätte Anfang des 20. Jahrhunderts genauer untersuchten, fanden sie tausende kleiner Terrakotta-Figuren im Boden. Die meisten davon waren Votivgaben – kleine Opfergaben aus gebranntem Ton, die Gläubige nach dem anstrengenden Aufstieg zurückließen, um sich gute Ernten, Wohlstand oder Schutz zu erhoffen.

Falls Ihnen der Name Tanit nichts sagt, ihr Symbol kennen Sie garantiert, wenn Sie schon ein paar Tage auf Ibiza unterwegs waren. Es ist ein stilisierter Dreieckskörper mit einem waagerechten Strich für die Arme und einem Kreis als Kopf. Man sieht es auf Autostickern, an Hauswänden und es ist das offizielle Logo des Inselrats (Consell d’Eivissa). Es prangt auf jedem offiziellen Steuerbescheid und jedem Müllwagen der Insel. Hier oben in den trockenen Hügeln von Sant Vicent liegt der Ursprung dieses allgegenwärtigen Symbols.

Der Weg nach oben (und der Frust am Ziel)

Der Pfad vom Parkplatz zur Höhle ist kurz, hat es aber in sich. Es geht über loses Geröll und freiliegende Wurzeln steil bergauf durch die dichte Macchia. Im Juli oder August, wenn die Sonne unbarmherzig brennt, treibt einem dieser Aufstieg sofort den Schweiß in die Augen. Tragen Sie echte Turnschuhe, keine Flip-Flops. Eine große Flasche Wasser ist ebenfalls Pflicht, denn auf der Strecke gibt es absolut keinen Schatten.

Wenn Sie dann schnaufend oben ankommen, erwartet Sie die Realität, die in vielen Hochglanz-Broschüren gerne übersprungen wird: Die Höhle darf nicht betreten werden.

Wegen akuter Einsturzgefahr versperrt ein massives Metallgitter den Eingang. Sie können zwar die ersten Meter des Höhlensystems durch die dicken Stäbe sehen, aber das tiefe Innere bleibt tabu. Lohnt sich der Aufstieg trotzdem? Absolut. Allein für die völlige Stille, das Zirpen der Insekten und den rauen Blick über die Nordostküste lohnt sich der Schweiß. Es ist ein ungeschliffener Ort, der völlig ohne touristische Inszenierung auskommt.

Praktische Details für die Anfahrt

Denken Sie an die Logistik, bevor Sie in Richtung Norden aufbrechen:

  • Anreise: Ein Mietwagen oder Roller ist unerlässlich. Busse fahren hier oben nicht. Geben Sie die Höhle ins Navi ein, aber laden Sie die Karte vorher offline herunter. Die Netzabdeckung reißt auf den letzten Kilometern gnadenlos ab.
  • Eintritt: Komplett kostenlos. Es gibt kein Kassenhäuschen und keine offiziellen Schließzeiten. Kommen Sie aber unbedingt bei Tageslicht. Der steinige Rückweg zum Auto ist im Dunkeln ein idealer Ort, um sich den Knöchel zu verstauchen.
  • Timing: Wenn Sie im Hochsommer auf der Insel sind, fahren Sie vor 10 Uhr morgens oder nach 18 Uhr abends dorthin. Im Mai oder Oktober ist die Wanderung auch in der Mittagssonne machbar.

Wo man die echten Tanit-Figuren sieht

Da Es Culleram selbst heute leergeräumt (und gesperrt) ist, müssen Sie für die eigentlichen Fundstücke in die Hauptstadt fahren. Wenn Sie die punische Geschichte Ibizas ohne Staub an den Schuhen sehen wollen, empfehle ich diese Stopps:

  • Archäologisches Museum von Ibiza: Oben in den Gassen von Dalt Vila liegen die originalen Tanit-Köpfe, die in Es Culleram aus der Erde geholt wurden. (Achtung: Das Museum wird oft renoviert, prüfen Sie vorher online, ob es aktuell geöffnet ist).
  • Nekropole von Puig des Molins: Direkt in Ibiza-Stadt. Für gut 2,40 Euro Eintritt können Sie in diese gigantische phönizische Totenstadt hinabsteigen. Es ist eines der besterhaltenen Gräberfelder der punischen Welt.
  • Sa Caleta: Im Süden der Insel, unweit vom Flughafen. Zwischen den bröckelnden roten Klippen liegen die flachen Grundmauern der allerersten phönizischen Siedlung der Insel. Man kann einfach vom angrenzenden Strand aus hinüberspazieren.

Fotografie: Joanbanjo, via Wikimedia Commons