Wer von San Antonio über die Landstraße EI-700 in den Süden fährt, merkt sofort, wie sich die Insel verändert. Sant Josep de sa Talaia liegt genau an dieser Durchgangsstraße, doch wer hier nur aufs Gaspedal drückt, verpasst das eigentliche Ibiza. Kein Schaumparty-Plakat weit und breit, keine Promoter, die einem Flyer in die Hand drücken. Stattdessen riecht es nach trockenem Pinienholz, auf den geparkten Mietwagen liegt eine feine Staubschicht, und man begegnet Einheimischen, die tatsächlich das ganze Jahr über hier leben.
Dorfleben rund um die Plaza
Die Hauptstraße teilt das Dorf, und ehrlicherweise ist die Parkplatzsuche im August hier ein echter Geduldstest. Wer endlich eine Lücke in den Seitenstraßen ergattert hat, spaziert zur gepflasterten Plaza vor der massiven, weiß getünchten Pfarrkirche. Setzt euch ins Raco Verd oder ins Can Bernat Vinya direkt gegenüber. Der Cortado kostet hier um die 2,20 Euro, man sitzt unter uralten Bäumen und hat den perfekten Blick auf den Alltag des Dorfes. Man hört das Klappern der Kaffeetassen, das Knattern verbeulter Roller und Spanisch statt Englisch. Es ist diese ungekünstelte Normalität, die Sant Josep so angenehm macht.
Staubige Schuhe und Weitblick: Hinauf auf den Sa Talaia
Der Namenszusatz „de sa Talaia“ kommt nicht von ungefähr. Das Dorf lehnt sich an den höchsten Berg Ibizas, den 475 Meter hohen Sa Talaia. Der Wanderweg startet unauffällig direkt hinter der Kirche. Spart euch unbedingt den Versuch, die Piste mit dem Standard-Mietwagen hinaufzufahren – der Weg ist extrem ausgewaschen und kostet euch im Zweifel die Kaution. Zu Fuß seid ihr durch den schattigen Wald in gut einer Stunde oben.
Der Gipfel selbst ist mit seinen wuchtigen Sendeantennen ehrlicherweise kein architektonisches Highlight, aber der Ausblick gleicht das locker aus. An klaren Tagen im Oktober seht ihr jedes einzelne Haus auf der Nachbarinsel Formentera. Wenn ihr zum Sonnenuntergang hochgeht, packt einen Pullover oder Windbreaker ein. Selbst wenn im Dorf noch drückende Hitze herrscht, pfeift euch hier oben fast immer ein kühler Wind um die Ohren.
Ab ans Wasser: Die Buchten der Südküste
Von Sant Josep aus schlängeln sich die Straßen in engen Kurven hinab an die Küste. Das hier ist das Epizentrum für Postkartenmotive, was leider auch bedeutet, dass ihr im Hochsommer viel Gesellschaft haben werdet.
- Cala d’Hort: Der Blick auf die steil aufragende Felseninsel Es Vedrà ist gigantisch. Aber: Kommt vor 10 Uhr morgens. Die schmale Zufahrtsstraße parkt in der Hochsaison rasant zu, und das Wendemanöver am steilen Hang hat schon manche Kupplung ruiniert. Wenn ihr einen Tisch ergattert, bestellt im Restaurant El Carmen eine Paella (etwa 25 bis 30 Euro pro Person) und schaut den Booten zu.
- Torre des Savinar: Der alte Wachturm, oft einfach Piratenturm genannt, thront hoch über der Cala d’Hort. Der Fußweg dorthin ist steinig und miserabel ausgeschildert – ladet euch vorher eine Offline-Karte aufs Handy. Der Abgrund vor dem Turm fällt fast senkrecht ins Meer ab, Vorsicht also, falls ihr mit Kindern unterwegs seid.
- Cala Vedella & Cala Molí: Wer wirklich schwimmen will, fährt ein Stück weiter. Die Cala Vedella ist eine tief eingeschnittene, sandige Bucht, super für Familien, aber das Parken erfordert auch hier starke Nerven. Mein persönlicher Favorit zum Ausweichen ist die Cala Molí. Der Strand ist eine unebene Mischung aus Sand und dicken Kieseln (Badeschuhe einpacken!), dafür findet man hier selbst an einem heißen Juli-Wochenende meist noch ein ruhiges Plätzchen für sein Handtuch.
Ein machbarer Tagesplan
Startet gegen 9 Uhr mit einer klassischen Tostada con Tomate in Sant Josep. Danach geht es schnurstracks zur Cala d’Hort, bevor die Massen anrollen und der Asphalt flimmert. Geht eine Runde schwimmen und entflieht der Bucht gegen Mittag, wenn die ersten Hupkonzerte der Parkplatzsuchenden beginnen. Den Nachmittag verbringt ihr abseits des Trubels an der Cala Molí. Wenn die Sonne tiefer steht und die schlimmste Hitze nachlässt, ist die perfekte Zeit für den Aufstieg zum Torre des Savinar. Den Abend verbringt man im Süden am besten in einem der Finca-Restaurants entlang der Landstraße – rechnet hier für ein anständiges Abendessen mit lokalem Wein allerdings schnell mit 60 bis 80 Euro pro Kopf.
Was ihr vorher wissen solltet
Sant Josep ist kein reines Sommerdorf; hier brennt auch im Januar abends Licht in den Fenstern der kleinen Supermärkte. Die angenehmste Zeit für einen Besuch ist für mich der späte September oder der Oktober. Das Meer ist dann noch badewannenwarm (oft um die 24 Grad), die Luft aber deutlich klarer und die Straßen spürbar leerer.
Ein Mietwagen ist für diese Ecke der Insel schlichtweg Pflicht. Zwar gibt es die Buslinie 8 nach Ibiza-Stadt, aber die Aushang-Fahrpläne sind eher als grobe Empfehlung zu verstehen. Wer auf den Bus wartet, sollte kein strenges Zeitkorsett haben.
Noch eine kleine Warnung für die Reisekasse: Der freistehende Geldautomat an der Hauptstraße verlangt absurde Gebühren für Abhebungen mit ausländischen Karten, teilweise über 4 Euro pro Transaktion. Nehmt lieber direkt etwas Bargeld aus Ibiza-Stadt mit. Zwar akzeptieren die meisten Cafés mittlerweile Karte, aber für das Trinkgeld oder den kleinen Obststand am Straßenrand braucht man immer noch ein paar Münzen. Wer Sant Josep als Basis wählt, tauscht Neonlicht gegen Pinienwälder und Club-Bässe gegen das Zirpen der Zikaden.
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Fotografie: Jörn Lenhardt, via Wikimedia Commons
