Die Fahrt von Sant Carles de Peralta in Richtung Küste führt über schmale, von Pinien gesäumte Straßen, auf denen das Handynetz irgendwann komplett wegbricht. Wenn Sie am Ende des Weges oben an den Klippen stehen, blicken Sie auf Aigües Blanques (spanisch: Aguas Blancas) hinab. Das hier ist das absolute Gegenteil der durchgestylten Beachclubs im Süden der Insel. Keine VIP-Betten, keine dröhnenden Bässe. Stattdessen gibt es dunklen Sand, zerklüftete rote Felsen und das raue Mittelmeer.
Weißer Schaum und herbstliche Wellen
Der Name „Weißes Wasser“ ergibt spätestens an einem windigen Tag im Oktober absolut Sinn. Wenn der Wind auffrischt, knallen die Wellen mit ordentlich Wucht gegen die Felsvorsprünge der Bucht und überziehen das Wasser mit einem dichten, weißen Schaumteppich. Im Juli und August gleicht das Meer hier oft einer ruhigen Badewanne, doch im Herbst holen die Einheimischen ihre Neoprenanzüge aus dem Schrank. Es ist einer der wenigen Spots auf Ibiza, der dann tatsächlich brauchbare Bedingungen für Bodyboarder und Surfer liefert.
Nackt oder mit Bikini: Die ungeschriebenen Regeln
Aguas Blancas ist seit Jahrzehnten ein offizieller FKK-Strand. Wer sich hier komplett auszieht, fällt nicht auf – es ist der Standard. Die Atmosphäre ist angenehm unaufgeregt und frei von den gaffenden Blicken, die man an populäreren Stränden fürchten könnte. Sie müssen aber nicht blankziehen. Textilien sind genauso normal, und am Ende mischen sich nackte Alt-Hippies ganz selbstverständlich mit spanischen Familien in Badehosen. Der Strand zieht sich schmal und lang an der Felswand entlang, sodass man fast immer eine ruhige Nische für sein Handtuch findet.
Steile Pfade, Schatten und der 3-Euro-Parkplatz
Der wilde Charakter der Bucht bringt ein paar logistische Hürden mit sich, die man kennen sollte, bevor man in Flip-Flops loszieht.
- Parken und Abstieg: Oben an der Klippe gibt es einen unbefestigten Schotterparkplatz. Entgegen veralteter Reiseführer kassiert hier in der Hochsaison (meist von Juni bis September) ein Wärter 3 Euro Parkgebühr – haben Sie am besten Münzen griffbereit. Der asphaltierte Weg hinunter zum Strand ist extrem steil. Runter spaziert man in fünf Minuten, aber der Rückweg in der Nachmittagshitze fühlt sich mit nassem Handtuch im Gepäck eher an wie eine alpine Bergetappe.
- Verpflegung: Unten am Sand steht ein rustikaler Chiringuito (eine einfache Strandbar). Erwarten Sie keine Haute Cuisine, aber für ein frisch belegtes Bocadillo mit Schinken und einen eiskalten Cortado für zusammen knapp 8 Euro ist der Kiosk ein Segen. Manchmal brutzelt auch eine große Pfanne Paella auf dem Gasbrenner. Eine einfache Toilette ist hinter der Bar zu finden.
- Die Sache mit der Sonne: Aguas Blancas liegt an der Ostküste. Das bedeutet: Wer den Sonnenaufgang über dem Meer sehen will, ist hier goldrichtig. Der Haken, den viele erst vor Ort schmerzlich bemerken? Die hohen, überhängenden Klippen im Rücken werfen schon ab etwa 16:00 Uhr lange Schatten auf den Strand. Wer also erst am späten Nachmittag zum Sonnenbaden anreist, sitzt ziemlich schnell im Kühlen. Kommen Sie lieber am Vormittag.
Für wen sich die Fahrt in den Norden lohnt
Mit Kleinkindern und einem vollgepackten Strandbuggy ist dieser Küstenabschnitt aufgrund des steilen Abstiegs ein echter Kampf. Wer flaches, ruhiges Wasser und Liegenservice sucht, fährt besser ein paar Buchten weiter nach Cala Llenya. Aguas Blancas gehört den Individualisten. Wer sich morgens mit einem Kaffee auf die Felsen setzt, die salzige Luft einatmet und den Wellen zuschaut, erlebt genau jenes raue Ibiza, das in den glänzenden Tourismusbroschüren oft fehlt.
Hinweis: Die Betreiber des Chiringuitos wechseln gelegentlich und im Winter werden die Holzbuden meist komplett abgebaut. Nehmen Sie in der Nebensaison ab Ende Oktober immer eigene Vorräte und Wasser mit.
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Fotografie: Pat Neary, via Flickr
