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Sant Miquel: Festungskirche, Folkloretanz und Ibizas rauer Norden

Sant Miquel: Festungskirche, Folkloretanz und Ibizas rauer Norden

Wer über die PM-804 in den Norden Ibizas fährt, lässt die großen Clubs und das Gedränge schnell hinter sich. Nach ein paar sanften Kurven durch dichte Pinienwälder taucht Sant Miquel de Balansat auf. Das ist kein künstlich aufgesetztes Bilderbuchdorf, sondern ein echter Wohnort, in dem sich der Alltag um die schmale Hauptstraße und den lokalen Spar-Supermarkt dreht. Wer hier im Juli mittags aus dem klimatisierten Mietwagen steigt, spürt sofort die trockene Hitze – und die absolute Ruhe, die diesen Teil der Insel dominiert.

Eine Kirche wie ein Bunker

Dass der alte Dorfkern von Sant Miquel nicht direkt am Wasser liegt, hat einen simplen, historischen Grund: Piraten. Im 15. Jahrhundert war die Küste schlichtweg zu gefährlich. Die Bewohner zogen sich ins hügelige Hinterland zurück und bauten die Església de Sant Miquel. Wenn man den steilen Kopfsteinpflasterweg hinaufsteigt, merkt man schnell, dass dies kein gewöhnliches Gotteshaus ist.

Die weiß getünchten Mauern sind meterdick, die Fenster erinnern eher an Schießscharten. Es ist eine waschechte Festungskirche, in der die Dorfbewohner bei Überfällen ausharrten. Der Vorplatz bietet wenig Schatten, dafür aber einen weiten Blick über die bewaldeten Hügel. Kleiner Tipp: Die schweren Holzbänke im Inneren der Kirche bieten nicht nur eine Pause vom Anstieg, sondern auch eine herrliche Kühle, selbst wenn draußen der Hochsommer flirrt.

Donnerstags um 18:15 Uhr: Kastagnetten und dicke Wolle

Jeden Donnerstagabend von Mai bis Oktober füllt sich der Platz vor der Kirche. Ab etwa 18:15 Uhr zeigen die Einheimischen hier den „Ball Pagés“, den traditionellen ibizenkischen Bauerntanz. Es ist laut, rhythmisch und faszinierend. Die Männer schlagen riesige, hohle Kastagnetten, während die Frauen in schweren, mehrlagigen Wollröcken und mit massivem Goldschmuck (der Emprendada) schnelle Drehungen vollführen – eine echte sportliche Leistung bei 30 Grad im August.

Das Ganze wird über leicht kratzende Lautsprecher in mehreren Sprachen moderiert. Die Übersetzungen wirken manchmal ein wenig improvisiert, aber genau das macht die Sache sympathisch und extrem nahbar. Man sitzt auf einfachen Stühlen, trinkt Wasser aus der Plastikflasche und schaut echtem Brauchtum zu.

Abstecher an die Küste: Port und Höhlen

Etwa fünf Kilometer weiter nördlich, das steile Tal hinab, liegt der alte Hafen, der heute Port de Sant Miquel heißt. Die Bucht wird rechts und links von dramatischen Felsklippen gerahmt. Zugegeben: Die großen Hotelanlagen, die hier direkt in den Hang gebaut wurden, gewinnen keinen Architekturpreis. Aber das Wasser ist hier meist spiegelglatt, glasklar und fällt flach ab. Wenn Sie hungrig sind, ignorieren Sie die Pizzen auf den Bildtafeln am Strandzugang. Setzen Sie sich lieber ins traditionsreiche Port Balansat direkt am Sand für ein authentisches „Bullit de Peix“ (den deftigen ibizenkischen Fischeintopf).

Von der Bucht aus führt eine kurvige Straße hinauf zu den Coves de Can Marçà. Die Tropfsteinhöhle war einst ein echtes Schmugglernest. Der Eintritt kostet mittlerweile knapp 14 Euro. Die farbige Beleuchtung und die künstliche Wasserfall-Show am Ende der gut 40-minütigen Führung sind ehrlicherweise etwas kitschig. Dennoch lohnt sich der Weg: Der schmale Treppenpfad, der außen an der Steilküste hinunter zum Höhleneingang führt, bietet einen der besten Ausblicke über das türkisblaue Meer im ganzen Norden.

Praktische Details für den Trip

  • Anreise: Verlassen Sie sich besser nicht auf die Buslinie 25. Sie fährt eher unregelmäßig und an Wochenenden fast gar nicht. Ein Mietwagen oder Roller ist hier oben Pflicht. Parkplätze gibt es am Dorfeingang von Sant Miquel meist genug, unten am Port wird es im August allerdings oft zur Geduldsprobe.
  • Vorsicht beim Geldabheben: Bringen Sie ausreichend Bargeld mit. Die unabhängigen Geldautomaten an der Straße schlagen gern mal mit fast 4 Euro Gebühr pro Abhebung zu, und beim Eisverkauf am Strand wird Kartenzahlung für Beträge unter 5 Euro oft nur widerwillig akzeptiert.
  • Das perfekte Timing: Planen Sie den Donnerstag so: Nachmittags schwimmen und essen im Port de Sant Miquel, gegen 17:00 Uhr hoch zu den Höhlen von Can Marçà und pünktlich um 18:15 Uhr zurück im Dorf an der Kirche für den Tanz.

Fotografie: xamonich_com, via Flickr