Wer auf der Landstraße PM-810 in Richtung Norden fährt, merkt schnell, wie sich die Insel verändert. Die Straßen werden schmaler, die rote Erde staubiger und die dichten Pinienwälder schlucken den Lärm der Küstenstädte. Sant Carles de Peralta – von den Einheimischen schlicht San Carlos genannt – hat nichts mit den VIP-Clubs oder den überfüllten Promenaden im Süden zu tun. Es ist ein echtes Dorf geblieben, in das man fährt, wenn man das Gefühl für das ursprüngliche Ibiza sucht.
Das Zentrum des Dorfes: Postfächer und Hierbas in der Bar Anita
Die schneeweiße Wehrkirche aus dem 18. Jahrhundert markiert die zentrale Kreuzung, doch das eigentliche Herz von Sant Carles schlägt schräg gegenüber in der Bar Anita. Bevor in den 60er Jahren die ersten Telefone ins Dorf kamen, war dies die einzige Verbindung zur Außenwelt für die vielen Künstler und Aussteiger, die sich in den Fincas der Umgebung einquartiert hatten. Noch heute bedecken die alten, dunkelbraunen Holzpostfächer der Anwohner die linke Wand der Bar – viele Häuser im Umland haben bis heute keine offizielle Straßenadresse und der Postbote liefert alles genau hier ab.
Setzen Sie sich an einen der winzigen, wackeligen Tische auf der schattigen Terrasse. Ein hausgemachter Hierbas (der traditionelle ibizenkische Kräuterlikör) kostet hier faire 3,50 Euro und schmeckt deutlich feiner und weniger klebrig als die industriellen Flaschen aus dem Supermarkt. Ein kleines Detail am Rande: Meiden Sie unbedingt den freistehenden Geldautomaten direkt um die Ecke der Bar, der gnadenlos fast 4 Euro Abhebegebühr verlangt. Bringen Sie lieber gleich ausreichend Bargeld aus Santa Eulària mit.
Las Dalias: Zwischen echtem Handwerk und Parkplatz-Chaos
Knapp einen Kilometer vor dem Ortseingang liegt das Gelände, das San Carlos berühmt gemacht hat. Las Dalias startete in den 1950er Jahren als einfache Bar mit Tanzsaal und beherbergt heute den bekanntesten Markt der Insel. Jeden Samstag drängen sich hier die Besucher. Wer im Juli oder August nach 11 Uhr vormittags anreist, steht unweigerlich im Stau auf der Landstraße und zahlt dann 3 bis 4 Euro für einen Stellplatz auf dem staubigen Acker nebenan.
Aber der Trubel lohnt sich, wenn man die richtige Uhrzeit wählt. Kommen Sie am besten direkt um 10 Uhr morgens, wenn die Händler gerade erst ihre Kisten auspacken. Anders als bei den massenproduzierten Souvenirs in Eivissa-Stadt finden Sie hier tatsächlich noch Künstler, die ihre Ware selbst herstellen. Da gibt es handgehämmerten Silberschmuck, schwere Ledergürtel, kunstvolle Wohnaccessoires und Kleider aus weicher, ungefärbter Baumwolle. An den Food-Ständen im Innenhof bekommt man für etwa 7 Euro fantastische, frisch gepresste Säfte, während meist eine Akustik-Band auf der kleinen Bühne unter den Feigenbäumen spielt.
Mein Tipp für die heißen Hochsommermonate: Weichen Sie auf den Night Market aus. Wenn die Temperaturen abends erträglicher werden und die Lichterketten in den Bäumen leuchten, ist das Gedränge deutlich entspannter. Sonntags gibt es auf dem Gelände außerdem einen Flohmarkt (den „Rastro“), der sich perfekt eignet, um gebrauchte Bücher oder alte ibizenkische Keramik zu finden.
Der Club im Hintergrund: Akasha
Las Dalias ist nicht nur ein Ort zum Einkaufen, sondern eine echte Institution für Live-Musik und Clubkultur. Der alte Saal wurde vor einiger Zeit zum Club Akasha umgebaut. Die Akustik ist exzellent, der Raum fasst nur ein paar Hundert Leute, und das Booking reicht von lokalen Akustik-Sets und Workshops am frühen Abend bis hin zu internationalen Deep-House-DJs in der Nacht. Das Publikum hier ist spürbar älter, unprätentiöser und entspannter als in den Großraumdiskotheken auf der anderen Seite der Insel.
Sandstrände und Landküche in der Umgebung
Wer schon in Sant Carles ist, fährt am besten direkt weiter an die Nordostküste. Die Buchten Cala Nova und Es Figueral sind in etwa zehn Minuten mit dem Auto erreichbar. Cala Nova hat feinen Sand und bei Ostwind oft eine ordentliche Brandung, was auf Ibiza selten ist. Parken ist dort an Wochenenden allerdings oft schwierig, stellen Sie sich also auf einen längeren Fußmarsch vom improvisierten Waldparkplatz zum Strand ein.
Wenn Ihnen nach dem Trubel auf dem Markt der Sinn eher nach Ruhe steht, steuern Sie das Agroturismo Can Tixes an. Die Finca liegt ruhig im Hinterland. Hier sitzt man unter Johannisbrotbäumen und bekommt ehrliche, ibizenkische Landküche serviert. Die Tomaten und Paprika stammen direkt aus dem angrenzenden Garten, und genau das schmeckt man auf dem Teller.
Praktische Details zur Anreise:
- Mit dem Auto: Von Santa Eulària aus nehmen Sie die PM-810. Die Strecke ist gut ausgebaut. Fahren Sie vorsichtig, da oft Radfahrer auf den teils unübersichtlichen Kurven unterwegs sind.
- Mit dem Bus: Die Linie L16 fährt von Santa Eulària nach San Carlos. Die Busse sind im Hochsommer allerdings oft überfüllt und der Fahrplan existiert oft nur auf dem Papier. Ein kleiner Mietwagen oder ein Roller geben Ihnen hier oben im Norden die nötige Flexibilität.
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