Wenn man im Juli über die kurvige PM-811 in den Nordosten Ibizas fährt, lässt man das Wummern der Strandclubs spätestens hinter Sant Joan endgültig hinter sich. Sant Vicent de sa Cala ist nicht das, was viele von der Insel erwarten. Die meisten Touristen kennen nur die gleichnamige Badebucht unten am Wasser. Das eigentliche Dorf liegt jedoch ein paar Kilometer landeinwärts in einem tiefgrünen Tal. Hier gibt es keine Design-Boutiquen, sondern dichte Pinienwälder, rote Erde und eine Stille, die einem nach dem Trubel im Süden fast in den Ohren klingelt.
Die Wehrkirche von Sant Vicent: Weißer Kalk und dicke Mauern
Man kann die Església de Sant Vicent kaum verfehlen – das Dorf ist schlichtweg zu klein dafür. Im 18. Jahrhundert wurde dieser schmucklose, aber extrem massive Bau hochgezogen, in erster Linie als Schutzraum vor Piratenüberfällen. Wer die filigranen Kirchen vom spanischen Festland gewohnt ist, wird hier überrascht sein. Die Wände sind dick, die Fenster winzig. Wenn man an einem Dienstagmorgen im Oktober hier steht, begegnet man oft niemandem außer ein paar streunenden Katzen und vielleicht einem älteren Einheimischen auf der Bank vor dem Portal. Von dem kleinen Vorplatz aus blickt man direkt über das Tal. Keine Tickets, keine Warteschlangen, nur schlichter weißer Stein vor blauem Himmel.
Es Culleram: Der Schrein der Göttin Tanit
Ein Stück weiter östlich, an den Klippen der Punta Grossa, wird es historisch. Die Höhle von Es Culleram (auf manchen alten Schildern auch als Sa Cova de ses Fontanelles ausgeschildert) erreicht man über eine schmale, unebene Piste. Man hofft unweigerlich, dass einem hier kein breiter SUV entgegenkommt. Vom kleinen Parkplatz aus läuft man noch ein gutes Stück über steinige Pfade bergauf. Feste Schuhe sind hier keine schlechte Idee, vor allem, weil die losen Steine im Hochsommer extrem staubig und rutschig werden.
Terrakotta und alte Rituale
Im 5. Jahrhundert vor Christus war das hier ein wichtiges Heiligtum der karthagischen Göttin Tanit. Archäologen haben an diesem Hang einst über 600 Terrakotta-Figuren und Hunderte von Amuletten aus der Erde geholt. Wenn Sie diese Fundstücke sehen wollen, müssen Sie ins Archäologische Museum oben in der Altstadt von Ibiza-Stadt (Dalt Vila) fahren. Die Höhle selbst ist heute leer. Sie riecht nach feuchtem Fels und Piniennadeln und hat eine bemerkenswert raue Atmosphäre, die weit weg von jedem Postkarten-Ibiza ist.
Warum der Zaun dort steht
Die Hauptgrotte ist akut einsturzgefährdet. Es gibt einen verwitterten Maschendrahtzaun und Warnschilder, die man ernst nehmen sollte. Jedes Jahr klettern trotzdem ein paar Leute für ein Foto über die Absperrung. Tun Sie es nicht. Der poröse Fels bröckelt regelmäßig und es gibt keinen Handyempfang, falls etwas passiert. Vom offiziellen Aussichtspunkt direkt davor sieht man die Eingänge der Grotte und das dunkelblaue Wasser unten an der Küste ohnehin viel besser, ganz ohne Risiko.
Der Alltag in Sant Vicent
Erwarten Sie hier keine inszenierte Dorfromantik. Sant Vicent ist ein Ort, an dem noch gearbeitet wird. Statt teurer Beach-Clubs finden Sie hier Dinge, die auf Ibiza selten geworden sind:
- Ehrliches Essen: In den wenigen Bars an der Straße gibt es keinen Avocado-Toast für 15 Euro, dafür aber einen starken Café con Leche für knapp zwei Euro und belegte Bocadillos, die satt machen. Hier sitzen die Landarbeiter und Handwerker in ihrer Mittagspause.
- Staubige Wanderwege: Die Wege abseits der Hauptstraße führen direkt in die Wälder. Wer im Mai kommt, läuft durch ein Meer aus wilden Blumen. Im Spätsommer ist die rote Erde staubtrocken und die Zikaden zirpen ohrenbetäubend laut.
- Baden um die Ecke: Die Cala de Sant Vicent liegt nur knapp drei Autominuten entfernt. Ein praktischer Tipp: Während die Parkplätze unten am Strand im August chronisch überfüllt sind und der Geldautomat an der Promenade oft absurde Gebühren verlangt, hat man oben im Dorf seine absolute Ruhe, bevor man sich in Handtuchnähe ans Meer begibt.
Praktische Details für die Anfahrt
Anreise: Von Ibiza-Stadt brauchen Sie mit dem Mietwagen etwa 40 Minuten. Die Strecke führt über die PM-810 und später die PM-811. Achtung an den unübersichtlichen Kurven: Im Frühjahr und Herbst trainieren hier oft ganze Pulks von Rennradfahrern, die man hinter den Felsvorsprüngen leicht übersieht.
Wann man fahren sollte: Der Mai und der späte September sind ideal. Wer im Juli oder August mittags zur Höhle von Es Culleram hochkraxelt, wird bei 35 Grad im Schatten wenig Spaß haben. Für die Kirche und einen Kaffee im Dorf reicht aber auch ein schattiger Nachmittag im Hochsommer völlig aus.
Kombinationen: Wenn Sie ohnehin im Norden unterwegs sind, fahren Sie nach dem Höhlenbesuch nicht direkt über die Hauptstraße zurück. Nehmen Sie die kleinen Nebenstraßen entlang der Küste Richtung Benirràs. Die Wege sind teilweise einspurig, aber genau hier zeigt sich die Insel von ihrer ungeschminkten Seite.
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Fotografie: Joselodos, via Wikimedia Commons
