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Sant Joan de Labritja: Ibizas Norden jenseits der Club-Kultur

Sant Joan de Labritja: Ibizas Norden jenseits der Club-Kultur

Wenn du die Landstraße PM-811 in Richtung Norden fährst, lässt du die Superclubs und überfüllten Beach-Bars im Rückspiegel. Die Straße schlängelt sich durch dichte Pinienwälder, bis du Sant Joan de Labritja erreichst. Keine Tourismusbehörde hat dieses Dorf glattpoliert. Es ist einfach da. Ein bisschen verschlafen, staubig und angenehm normal. Bevor du aussteigst, ein kurzer, pragmatischer Tipp: Heb unbedingt vorher Bargeld ab. Der einzige Geldautomat direkt im Zentrum verlangt sportliche 3,95 Euro Gebühr für Abhebungen mit Fremdkarten.

Der Dorfplatz, die weiße Kirche und der 2-Euro-Cortado

Das Leben in Sant Joan spielt sich auf wenigen Quadratmetern unter alten Bäumen ab. Mittendrin steht die Iglesia de Sant Joan de Labritja. Sie hat keine protzige Fassade, sondern wirkt mit ihren dicken, weiß getünchten Mauern eher wie ein wehrhaftes Bauernhaus. Oft stehst du hier tagsüber vor verschlossenen Türen.

Der Trick ist simpel: Du gehst einfach rüber ins benachbarte Bar-Café. Meistens ist es die alteingesessene „Bar Vista Alegre“ mit ihrer etwas in die Jahre gekommenen Einrichtung. Du bestellst am Tresen einen Cortado für knapp zwei Euro und fragst den Besitzer höflich nach dem Kirchenschlüssel. Man drückt dir dann völlig selbstverständlich ein massives Stück Eisen in die Hand. Es gibt keine laute Chillout-Musik auf dem Platz, nur das Klappern von Kaffeetassen und das Gemurmel der älteren Dorfbewohner, die im Schatten die Zeitung lesen.

Der 23. Juni: Rauch, Stockfisch und die Revetla de Sant Joan

Diese tiefenentspannte Grundstimmung hat genau einen Aussetzer pro Jahr. Am 24. Juni feiert das Dorf seinen Schutzpatron Johannes den Täufer. Wer etwas für echte Inselfeste übrig hat, kommt schon am Vorabend, dem 23. Juni, zur Revetla de Sant Joan.

Ab 21 Uhr gibt es in den Gassen kein Durchkommen mehr. Die Luft riecht schwer nach Holzfeuer, denn überall auf dem Asphalt brennen die foguerons (kleine Lagerfeuer). Auf den Rosten brutzelt oft espinagada – ein deftiges Teigstück mit Stockfisch und Gemüse. Eigentlich kennt man das eher von der Nachbarinsel Mallorca, aber in dieser Nacht reißt man es sich auch in Sant Joan aus den Händen. Kurz vor Mitternacht wird es wild: Die Einheimischen springen über die Glut der heruntergebrannten Feuer, um böse Geister zu vertreiben. Der Rauch brennt in den Augen, ein lautes Feuerwerk knallt über den Dächern, und das ganze Dorf tanzt bis in die frühen Morgenstunden. Am eigentlichen Feiertag danach geht es mit Prozessionen dann wieder deutlich gesitteter zu.

Wanderstaub und klebriges Salzwasser: Der wilde Norden

Sant Joan ist die am dünnsten besiedelte Gemeinde Ibizas. Du brauchst hier zwingend einen Mietwagen oder zumindest einen Roller. Der lokale Bus fährt zwar, aber der Fahrplan ist eher als grobe Empfehlung zu verstehen.

Zu Fuß durch Es Amunts

Das Naturschutzgebiet Es Amunts beginnt direkt nördlich des Dorfes. Erwarte hier keine asphaltierten Spazierwege. Die Pfade sind steinig, staubig und im Hochsommer gnadenlos heiß – nimm im Juli oder August mindestens zwei Liter Wasser pro Person mit. Du läufst vorbei an bröckelnden Trockensteinmauern, alten fincas und knorrigen Mandelbäumen. Oben an den Klippen stehst du dann oft komplett allein im Wind und schaust steil hinab auf das tiefblaue Mittelmeer.

Baden ohne Handtuch-Krieg

  • Caló des Moltons: Wenn du schwimmen willst, fahr ein paar Minuten an die Küste zu dieser kleinen Bucht. Sie besteht aus grobem Kies und Felsen. Du hast hier direktes, eiskaltes Wasser und liegst nicht Schulter an Schulter mit zwanzig anderen Leuten im feinen Sand. Perfekt, um sich den Staub der Wanderung abzuwaschen.
  • Benirràs und Portinatx: Natürlich sind auch die bekannteren Strände nah. Benirràs zieht abends hunderte Leute an, die den Trommlern beim Sonnenuntergang zuhören. Die Realität ist aber auch: Die schmale Zufahrtsstraße ist im August ab 17 Uhr oft ein einziger langer Stau und Parkplätze sind Mangelware. Wer sich diesen Stress sparen will, fährt ein Stück weiter nach Portinatx. Dort ist der Sandstrand zwar breiter und es gibt mehr Infrastruktur, aber das Parken funktioniert deutlich entspannter.

Sant Joan ist kein Ort, an dem man eine klassische To-do-Liste abhakt. Man kommt her, holt sich den Kirchenschlüssel, isst eine Kleinigkeit und schaut zu, wie die Schatten auf dem Dorfplatz langsam länger werden. Wer sich auf dieses Tempo einlässt, wird Ibiza von einer Seite kennenlernen, die weit weg von jedem Klischee existiert.

Fotografie: Gerda Arendt, via Wikimedia Commons