Wenn man Sant Antoni de Portmany hört, denken viele direkt an feierwütige Touristen und laute Neonreklame. Und ja, im August auf der Carrer de Santa Agnès bekommt man genau das. Aber Sant Antoni – von den Einheimischen meist nur San An genannt – ist eben auch der Ort, an dem die Ibicencos morgens am Hafen ihren Café con leche trinken, während die Fischer ihre Netze flicken. Ich war inzwischen oft genug hier, um zu wissen: Man muss die Ecken kennen und manchmal einfach eine Straße weiter abbiegen, um den echten Charakter dieser Stadt zu greifen.
Römer, Fischer und dicke Festungsmauern
Die Römer wussten genau, was sie taten, als sie die Bucht „Portus Magnus“ (den großen Hafen) nannten. Sie ist so tief und geschützt, dass hier selbst bei starkem Westwind kaum Wellen ins Hafenbecken schwappen. Wer sich die Mühe macht, vom Wasser aus ein paar Straßen bergauf zu laufen, steht plötzlich vor der alten weißen Pfarrkirche. Hier, abseits der Uferpromenade, sieht man noch das ursprüngliche Dorf. Die dicken, weiß gekalkten Festungsmauern der Kirche wirken heute fast etwas deplatziert, wenn man bedenkt, dass nur dreihundert Meter weiter unten die Motoryachten vertäut liegen und das Eis in den Sangria-Krügen klirrt. Genau dieser harte Bruch macht den Ort im Alltag so interessant.
Die Sunset Strip: Großes Kino und teure Drinks
Die berühmte Uferpromenade westlich des Hafens – eigentlich der Passeig de Ponent – ist der Grund, warum viele überhaupt an diese Küste kommen. Bars wie das Café del Mar und das Café Mambo haben hier in den Neunzigern die Tradition der abendlichen Sunset Sessions etabliert. Aber seien wir ehrlich: Wer hier im Juli oder August einen Tisch in der ersten Reihe ergattern will, muss oft einen Mindestverzehr von 100 Euro pro Person hinblättern, und ein einzelner Cocktail schlägt gerne mit 20 bis 25 Euro zu Buche.
Mein Tipp für den Abend: Holen Sie sich ein kaltes San Miguel oder eine Limonade im Supermarkt um die Ecke und setzen Sie sich wie Hunderte andere einfach auf die sonnenwarmen Felsen unterhalb der Promenade. Die Sonne versinkt von hier aus exakt genauso rot im Meer, die chilligen House-Beats wehen ohnehin über die ganze Bucht, und die Stimmung auf den Steinen ist meist viel entspannter als auf den durchgetakteten Terrassen.
Wenn es später lauter werden soll, führt kaum ein Weg am Eden vorbei. Der Club hat vor einigen Jahren ordentlich aufgerüstet und bietet heute eines der besten Soundsysteme der Insel. Davon abgesehen hat sich die Musikszene in Sant Antoni angenehm diversifiziert: In den Seitenstraßen findet man mittlerweile immer öfter kleine Venues für Live-Musik oder reduzierten Deep House, abseits des ganz großen Mainstreams.
Der Tag danach: Holzboote, Pinien und kleine Fluchten
Tagsüber schaltet Sant Antoni glücklicherweise einen Gang runter. Vor allem am Hafen zeigt sich dann die praktische Seite der Stadt:
- Die kleinen Hafen-Fähren: Vergessen Sie den Mietwagen, wenn Sie zu den Traumstränden Cala Bassa oder Cala Conta wollen. Die staubigen Parkplätze dort sind ab 11 Uhr vormittags hoffnungslos überfüllt und kosten mittlerweile oft ordentlich Gebühren. Nehmen Sie stattdessen eines der kleinen, bunten Holzboote, die direkt am Hafen in Sant Antoni ablegen. Für knapp 10 bis 15 Euro für Hin- und Rückfahrt spart man sich den Stau und hat direkt eine kleine Bootstour inklusive. (Tipp am Rande: Die großen Fähren nach Formentera starten hier zwar auch, aber die Überfahrt dauert von dieser Seite der Insel deutlich länger als von Ibiza-Stadt).
- Baden vor der Haustür: Der Hauptstrand S’Arenal ist in Ordnung, um nach einer kurzen Nacht schnell ins Wasser zu springen. Für das echte Ibiza-Gefühl spazieren Sie aber besser gut 20 Minuten Richtung Norden zur Cala Gració. Die Bucht ist dicht von Pinienwald umgeben und das Wasser fällt extrem flach ab. Noch etwas weiter nördlich liegt die Cala Salada – ein landschaftlicher Traum, der im Hochsommer allerdings oft so überlaufen ist, dass die Zufahrtsstraße wegen Überfüllung von der Polizei gesperrt wird. Fahren Sie hier wirklich nur sehr früh morgens hin.
- Einkaufen abseits der Massen: Viele Reiseführer schicken Sie direkt zum berühmten Punta Arabí Hippiemarkt. Was sie oft vergessen zu erwähnen: Der liegt in Es Canar, einmal komplett auf der anderen Seite der Insel. Wer keine 40 Minuten im Auto sitzen will, bleibt einfach im Zentrum von Sant Antoni. In den kleinen Gassen rund um die Carrer de sa Mar gibt es unabhängige Boutiquen, die handgemachte Espadrilles und leichte Leinenhemden verkaufen – oft entspannter und authentischer als das Gedränge auf den Großmärkten.
Was Sie vor der Buchung wissen sollten
Ein Mietwagen ist fantastisch, um den rauen Norden Ibizas zu erkunden, wird im Zentrum von Sant Antoni aber schnell zur nervlichen Belastung. Im Juli einen legalen Parkplatz zu finden, gleicht einem Lotteriespiel. Wenn Sie primär zwischen Sant Antoni und Ibiza-Stadt (Eivissa) pendeln wollen, nehmen Sie einfach den L3-Bus. Der kostet knapp 2 Euro, fährt tagsüber alle 15 bis 30 Minuten, ist voll klimatisiert und bringt Sie direkt ans Ziel.
Bei der Wahl der Unterkunft sollten Sie vorab genau auf die Karte schauen. Wer nachts auch mal bei offenem Fenster schlafen möchte, bucht sich nicht direkt am Passeig de Ses Fonts oder im sogenannten West End ein. Suchen Sie sich stattdessen lieber ein Apartment in der Gegend um die Cala Gració im Norden oder auf der gegenüberliegenden Seite des Wassers in der Bucht von San Antonio (Bahía de Sant Antoni). Dort ist der Trubel ab Mitternacht weit genug weg.
Noch eine Kleinigkeit, die mir erst kürzlich wieder unangenehm aufgefallen ist: Heben Sie Bargeld ausschließlich bei den regulären Bankfilialen am Hafen ab (wie etwa der CaixaBank). Die freistehenden, meist gelb-blauen Geldautomaten, die hier gefühlt an jeder zweiten Supermarktecke stehen, verlangen mittlerweile unverschämt hohe Abhebegebühren von fast vier Euro pro Transaktion, egal welche Karte Sie nutzen.
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Fotografie: Leon petrosyan, via Wikimedia Commons
